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Die Kunst des Wabi-Sabi: Sich Zeit nehmen
Journal · 22. September 2025

Die Kunst des Wabi-Sabi: Sich Zeit nehmen

3 Min. Lesezeit

In einer Seitenstraße der lauten Großstadt finde ich Zuflucht in einem Teehaus, verborgen hinter Bambussträuchern. Hier, in dieser Stille, nehme ich mir bewusst Zeit – Zeit für eine Tasse Tee. Es ist mehr als nur ein Getränk; es ist eine Zeremonie, ein Ritual.

Dieses Ritual findet vielerorts Platz, z.B. Zuhause: dort erhitze ich das Wasser auf die gewünschte Temperatur und fülle losen, grünen Tee in meine Tee-Schale. Ich sehe zu, wie die Teeblätter im 80° warmen Wasser aufquellen und ihr Aroma abgeben. Mit allen Sinnen bin ich im Moment, im Hier und Jetzt. Es ist eine achtsame Handlung, die der Hektik des Alltags entgegenwirkt.

Heute ist das unbewusste Konsumieren fast zur Normalität geworden. „To go“-Produkte versprechen Zeitersparnis, verhindern jedoch den wichtigen Prozess des bewussten Genießens und der Entspannung. Die Qualität unserer Rituale ist entscheidend, und Tee, dieses oft unterschätzte, heilsame Getränk, ist das perfekte Beispiel dafür.

Ein Ritual für alle Sinne

Lange ist Kaffee das am weitesten verbreitete Getränk der westlichen Welt. Deshalb möchte ich den Tee genauer betrachten – als Sinnbild für Achtsamkeit und Entspannung. Diese Eigenschaften lassen sich nicht „einsparen“, man muss sie sich nehmen.

Ein Teehaus lädt mit seiner Atmosphäre dazu ein, innezuhalten. Hier begegne ich Gleichgesinnten, atme den Duft verschiedener Teesorten ein und höre das Geräusch des sich erhitzenden Wassers. Die bewusste Entscheidung für eine Teesorte, in meinem Fall ein sanfter Jasmintee, ist der nächste Schritt des Rituals.

Der Teemeister servierte mir den Tee auf einem hübsch arrangierten Holztablett. Auf meine Bitte hin erklärte er mir die Zubereitung: eine kleine Tonschale zum Trinken, eine Glaskanne mit Teesieb, die den vorgewärmten Tee enthielt. Der Geruch der Teeblätter, die in der Kanne ihre Aromen entfalten, ist bereits Teil des Genusses. Das heiße Wasser aus der Thermoskanne wird zunächst in ein separates Gefäß gegossen, um abzukühlen – maximal 80 °C für diesen Grüntee. Dieser Zwischenschritt ist entscheidend, um die zarten Aromen nicht zu zerstören. Ist das nicht schön!

Ich führte die Anweisungen des Teemeisters aus: goss das Wasser in das Gefäß, fühlte die Temperatur mit dem Finger und goss es dann über das Sieb in die Glaskanne. Nachdem der Tee kurz gezogen war, goss ich ihn zurück in das Gefäß, um die Ziehzeit zu unterbrechen. Der erste Aufguss war fertig und ich genoss ihn mit einem Grüntee-Keks, auf dem das japanische Kanji für Feuer (火 = hi) stand. Das Getränk kann bis zu dreimal aufgegossen werden.

 
3 Steine gestapelt im seichten Schatten Lichtspiel als Ausdruck der Balance

Wabi-Sabi: Die Schönheit der Einfachheit

Dieses kleine Ritual lenkt die Gedanken auf eine Sache, schafft Fokus und innere Ruhe. Es ist eine Wiederholung, die das Rauschen der Gedanken beruhigt. In unserer schnelllebigen Welt, in der wir unzähligen Eindrücken ausgesetzt sind, ist diese mentale Entspannung wichtiger denn je.

Nur aus innerer Kraft heraus finden wir Zufriedenheit und bewältigen die Herausforderungen des Lebens nachhaltig.

Wabi-Sabi, eine japanische Ästhetik, zelebriert die Schönheit des Unperfekten und Vergänglichen. Ein Teeritual verkörpert diese Philosophie perfekt: Jede Tasse ist einzigartig, unvollkommen und flüchtig. Die schlichte Tonschale, die unregelmäßig geformten Teeblätter – all das erinnert uns daran, dass wahre Schönheit in der Einfachheit liegt.

Was auch immer Sie trinken mögen, tun Sie es achtsam. Nehmen Sie sich die Zeit dafür, denn jeder hat seinen eigenen Rhythmus im Leben.